Das Projekt Spielfeldschnitte

Pünktlich zur Fußball Europameisterschaft der Männer 2008 konnte man in Filialen einer großen deutschen Bäckereikette ein Kuchenstück erwerben, das sich als Alternative zu Bier in Plastikbechern verstand: ein Sahnetörtchen namens Spielfeldschnitte. Das Projekt Spielfeldschnitte nahm diese Beleidigung, diese Herausforderung und diesen Namen an. Seitdem verstehen wir uns als kreative und humorvolle Begleitung der deutschen Fußballnationalmannschaft und als längst fälligen Beitrag zu einer Frauenfußball-Kultur. Wir bieten nicht nur messerscharfe Analysen zu allen Länderspielen, wir sind die kulturwissenschaftliche Stimme in der Stille des Blätterwaldes, wir sind das Theater, das um den Frauenfußball aufzuführen ist, wir wollen die Welt verändern und schreiben darüber. „My (B)Log has something to tell you.“
(The Log Lady, Twin Peaks)

Freitag, 4. September 2009

Coaching Zone: EM Deutschland – Italien

„Und dann dieser Grosso, aus der Traum, oh Gott – Italien hat uns raus gehauen.“ So rappten seinerzeit Blumentopf nach diesem denkwürdigen Abend, als Italien das Sommermärchen zerschoss. Ehrlich gesagt haben mich im Vorfeld der heutigen Begegnung die ganzen ItalienerInnen genervt, Trainer und Spielerinnen, die verkündeten, es käme einer Mondlandung gleich gegen Deutschland zu gewinnen (Lechzte man da im Hinterköpfchen schon nach einer Berlusconireifen Schlagzeile?) Genauso wie all diejenigen (Experten?), die einen weiteren 4:0 Erfolg der deutschen Frauen zu erwarten schienen. Bekanntlicherweise wächst man an seinen GegnerInnen. Und ich muss Silvia Neid zustimmen, die vor wie nach dem Spiel attestierte, dass die Italiener, die Frauen wie die Männer, eine Form des Fußballs praktizieren, der nicht einfach zu spielen ist. Neid nannte das in einem Interview „destruktiven Fußball“. Destruktiv das ständige Zerren am Trickot an (von Zupfen kann da wirklich nicht mehr die Rede sein), das Lamentieren, die Schauspieleinlagen, vor allem aber natürlich die Taktik, das eigene Offensivspiel ausschließlich auf einige wenige Konter zu konzentrieren. Bis auf wenige Ausnahmen läuft das Spiel also wie ein Rammbock ausschließlich in eine Richtung und die einzige, die in der 90. Minute davon noch nicht vollkommen eingeschläfert war, war unsere Welttorhüterin Nadine Angerer. Ich persönlich kann einer solchen Spielweise wenig abgewinnen. Fußball interessiert mich als raumgreifendes Mannschaftsspiel und ich finde, dass ein Christiano Ronaldo auf dieser Welt reicht. Aber man muss das Ganze gar nicht moralisch diskutieren. Sondern auf dem Platz zeigen, wie leicht eine solche Mannschaft zu bezwingen ist. Das haben die Deutschen in der ersten Halbzeit eindrücklich mit ihrem präzisen, offensiven Pressing bewiesen, erzielten verdient das frühe Tor, konnten leider aber – wie es Theo Zwanziger nicht alleine wünschte – das zweite Tor nicht vor der Halbzeitpause schießen. Dann aber fiel den DFB Frauen ein Meniskus aus (der von Ariane Hingst) und schon humpelten sie gemeinschaftlich über den Platz. Wie gut die Startformation inzwischen aufeinander eingespielt ist und dass man eben nicht so ohne weiteres Bäumchen-Wechsel-Dich mit den Positionen spielen kann, zeigte Halbzeit Nummer zwei. Nehmen wir an dieser Stelle Linda Bresonik in den Blick, die die ausgewechselte Bianca Schmidt (warum?) auf der rechten Außenverteidigerposition vertreten musste, um Platz für Simone Laudehr auf der Doppel 6 zu machen (warum?). (Die verletzungsbedingte Auswechslung wurde durch Sonja Fuß abgedeckt.) Auch schon vor dem Anschlusstreffer der Italienerinnen war deutlich zu merken, dass die sechs defensiven Spielerinnen wie wild durcheinander purzelten. Eine klare Vierkette war weit und breit nicht in Sicht, Simone Laudehr ging immer wieder auf den Außenbahnen verlustig, was riesige Löcher ins defensive Mittelfeld riss. Sodann machte sich Linda Bresonik auf, diese zu stopfen, verließ die rechte Außenverteidigerseite und musste lautstark von Silvia Neid zurückbeordert werden. (Ein Problem, dass man bei der arrivierten Mittelfeldspielerin auch schon folgenschwer beim Algarvecup beobachten konnte. Einigen wir uns doch einfach mal, dass Bresonik KEINE Abwehrspielerin ist und man ihr spielrelevantes Potential auf dieser Position verschenkt.) Diese Lücken waren für die mental schon besiegten Italienerinnen die Einladung zur Wiederauferstehung. So fiel der Anschlusstreffer und beinahe auch der Ausgleich in der Schlussminute. Und plötzlich ging es nicht mehr um destruktiven Fußball, sondern man stolperte permanent über die eigenen Füße. Dass in dieser Situation die ambitionierte und kreative Martina Müller wieder mal erst 10 Minuten vor Schluss eingewechselt wurde, fand ich schade. Doch ich möchte es an dieser Stelle weiterhin mit Blumentopf halten und den folgenden, simplen Tipp für das Spiel gegen Norwegen oder Schweden geben: „Ob Hacke, Kopf oder reingeschlenzt – wir wolln Tore, denn wir sind Fans!“

Kommentare:

  1. ergänzend zu dem wieder einmal präszise analysierten Spiel: ich hoffe auch, das diese ewigen Positionswechsel von Bresonik bald ein Ende haben- was beim FCR wunderbar funktioniert, klappt in der Natio bisher noch überhaupt nicht. Oft ist sie überall und nirgendwo, und gerade das Spiel gegen Island hat gezeigt, das sie im MF unverzichtbar ist, da Bartusiak und Co dort keinerlei Impulse setzen können.
    Fazit: bisher spielt die deutsche Mannschaft eher schlecht als recht, und kommt dennoch weiter. Das man nach einem tollen Turnier auch ausscheiden kann, haben uns gestern die Schwedinnen gezeigt- die übrigens klasse Standards auf Lager hatte, gut getimte Ecken und präzise Freistösse- ich hoffe, Frau Neid hat diese auch in ihr Übungsprogramm aufgenommen.

    AntwortenLöschen
  2. Liebe djane,
    lange schon fällig mal ein Dankeschön für die immer wieder erfreuenden Kommentare! Ich bin ziemlich traurig, dass die Schwedinnen nicht mehr am Start sind- das hätte doch mal einen spannende Begegnung werden können... Hoffen wir also auf England?

    Nachdenkliche Grüße, Mayte

    AntwortenLöschen
  3. also warum Bianca Schmidt ständig ausgewechselt wird, versteh ich auch nicht... heute auch shcon wieder.

    AntwortenLöschen
  4. Zumal ich sie wieder gar nicht schlecht fand. Sie ist auch offensiv ausgerichtet( genauso wie Garefrekes) auf der Position. Es ist ja zum Glück gut ausgegangen, aber warum Neid so ein Experiment und dann gerade immer wieder auf der Position wagt... Ich glaube Schmidt hat es gerade nicht so leicht die Trainerinnen von ihrem Potential zu überzeugen.

    AntwortenLöschen
  5. Ja, Rosa. Gerade, dass sie so offensiv spielt, finde ich gut! Und sie ist dann doch zur Stelle, wenn es rückwärts geht... Ich hoffe, sie spielt morgen. Never change a winnig team, oder wie war das?

    AntwortenLöschen