Das Projekt Spielfeldschnitte

Pünktlich zur Fußball Europameisterschaft der Männer 2008 konnte man in Filialen einer großen deutschen Bäckereikette ein Kuchenstück erwerben, das sich als Alternative zu Bier in Plastikbechern verstand: ein Sahnetörtchen namens Spielfeldschnitte. Das Projekt Spielfeldschnitte nahm diese Beleidigung, diese Herausforderung und diesen Namen an. Seitdem verstehen wir uns als kreative und humorvolle Begleitung der deutschen Fußballnationalmannschaft und als längst fälligen Beitrag zu einer Frauenfußball-Kultur. Wir bieten nicht nur messerscharfe Analysen zu allen Länderspielen, wir sind die kulturwissenschaftliche Stimme in der Stille des Blätterwaldes, wir sind das Theater, das um den Frauenfußball aufzuführen ist, wir wollen die Welt verändern und schreiben darüber. „My (B)Log has something to tell you.“
(The Log Lady, Twin Peaks)

Sonntag, 19. Mai 2013

My B/log has something to tell you about... Köln! Und nie wieder Berlin!

    
Das Team des VfL Wolfsburg hat in ihrer überragenden Saison 12/13 nach der Meisterschaft auch den DFB-Pokal gewonnen und macht sich bereit für das Champions League Finale in vier Tagen. Die erste Halbzeit in Köln war eher zäh, geprägt von vielen Zweikämpfen und dementsprechend vielen Unterbrechungen. Bernd Schmelzer, Phänomenologe, bezeichnete diese Phase als Phase der Köpfe: "Ganz selten ein Frauenfußballspiel gesehen, in dem es so viele Kopfzusammenstöße gab wie in diesen ersten 35 Minuten." Kurz vor Ende der ersten Halbzeit doch noch die Führung für die etwas überlegeneren Wolfsburgerinnen, klasse Weitergabe per Hacke von Conny Pohlers auf Martina Müller, die zum 1 zu 0 trifft.

In der zweite Halbzeit wird das Tempo erhöht, Müller trifft zum 2-0 in der 51. Minute, Conny Pohlers zum 3-0 in der 54. Minute. Fünf Minuten später verkürzt Potsdam durch Evans. Ein Elfmeter in der 61. Minute, den Ogimi für Potsdam sicher verwandelt, macht das Spiel in der Endphase richtig spannend. Bernd Schmelzer benimmt sich noch etwas daneben als Potsdams Torwärtin Naeher einen fast fatalen Stellungsfehler begeht: "Na klar, das ist das Pokalfinale, da kommt man ins Fernsehen, aber doch nicht so, Mädchen!" Wolfsburg gewinnt verdient und feiert den 11 Kilo schweren Klunker, während sich mal wieder gefragt wird, ob und wie und wo und warum.

Seit 2010 findet das DFB-Pokalfinale der Frauen nicht mehr als ignoriertes Vorprogramm der Männer in Berlin, sondern als eigenständiges Spiel in Köln statt. Dieses Jahr kommt vermehrt die Frage auf: Hat sich der Umzug damals gelohnt, oder sprechen die sinkenden Zuschauer_innenzahlen gegen das Stadion in Köln? Bei allem Pessimismus lohnt es sich kurz inne zu halten und sich an die Prä-Köln Ära zu erinnern. Hatte man überhaupt Karten ergattert ohne sich zu verschulden, musste man sich das DFB-Pokal Finale mit gefühlten fünfzig Gleichgesinnten im Berliner Olympiastadion ansehen. 99 Prozent der Kartenkäufer_innen war dieses Spiel so ziemlich egal, sie kamen pünktlich nach der Siegerehrung. Ein Umzug des Finales wäre immer ein Gewinn gewesen - ob in die Münchner Allianz Arena oder in das Wolfgang-Meyer-Stadion in Hamburg.



Dass sich die Fanzahlen oder die zahlenden Fans nun im Vergleich zu 2010 mehr als halbiert haben, sahen dann doch einige Journalist_innen als Anlass seit der WM 2011 mal wieder was zum Frauenfußball zu schreiben. Neben den obligatorischen Vorberichten mit Fokus auf irgendwelche Zitate von Bernd Schröder sind wir mal wieder an diesem Punkt: Steckt der Frauenfußball in einer Krise? Was ist aus dem WM-Hype geworden? Interessiert sich überhaupt jemand für diesen Sport? Kann so überhaupt Stimmung aufkommen? Kann überhaupt Stimmung aufkommen, wenn so viele Kinder im Stadion sind? Auch in der Halbzeitpause stellt Claus Lufen die Frage (auf die Wolfgang Niersbach auf sehr charmante Art und Weise antwortet und auf den Finalort nichts kommen lassen will).

Das Problem ist nicht Köln, das Problem ist immer noch der Vergleich. Man versuchte das Finale vom Männerfinale abzugrenzen und "eine eigene Tradition" aufzubauen, doch die Vergleiche haben nicht aufgehört und die Infastruktur insgesamt wurde nicht verbessert. Anderer Ort, anderer Tag, aber trotzdem immer noch keine Spielzeit am Abend (wie eigentlich fast nie im Frauenfußball, die Sender wollen sich wohl ihr Abendprogramm nicht versauen). Eine hochklassige Begegnung zwischen Wolfsburg und Potsdam, aber den Wettbewerb so richtig verfolgen konnte man nicht - wie soll sich so irgendeine Tradition aufbauen? Wenig bis gar keine Berichte über die vorherigen Runden oder auch den Ligabetrieb, von Live-Bildern ganz zu schweigen.

Wenn dann doch ein paar Mal im Jahr diese Rahmenbedingungen geschaffen werden und eines der vielen hochklassigen Spiele an die Oberfläche den Medienmeers geraten, dann erwartet man gleich die Massen? Arbeit an Nachhaltigkeit sieht anders aus. Metaphorisch für diese grundsätzlichen Verfehlungen steht immer noch der Text der Pokalhymne.

Trotz allem:
Köln oder Bornheimer Hang, Hauptsache nie wieder Berlin.


Kommentare:

  1. Ich war heute vor Ort und fand, dass dieser Tag wirklich Werbung für den Frauenfußball war.

    Der Frauenfußball präsentierte sich weltoffen, tolerant, familienfreundlich, spannen, hochwertig, emotional und vor allem anders als der Männerfußball.

    Man konnte auf dem Familienfest zuvor mit Spielerinnen plaudern oder sich Autogramme abholen.

    Das Spiel war wirklich grandios und hätte mehr Zuschauer verdient, aber man muss auch sagen, dass die Frauenbundesliga 1000 Zuschauer im Schnitt hat, da sind 14 000 Zuschauer im Pokalfinale doch auch ganz gut.

    Ich werde zumindest im nächsten Jahr wiederkommen und in der Zwischenzeit sicherlich das ein oder andere Frauen Bundesligaspiel sschaue gehen.

    Hier noch der Link zu meinem Bericht, falls er dich interessiert: http://myfuba.de/2013/05/19/der-vfl-wolfsburg-ist-dfb-pokalsieger-im-frauenfusball-2013/

    Schöne Grüße

    AntwortenLöschen
  2. Berlin ist eh überbewertet. Frauenfußball wird auch in Köln mehr geschätzt als in der Hauptstadt.

    AntwortenLöschen
  3. SC07FanatikerXXL1. Juni 2013 um 20:58

    Pro Bornheimer Hang!
    Ich bin ebenfalls der Meinung, dass das Pokalfinale ausgegliedert von dem der Männer stattfinden sollte. Ebenso bin ich der Meinung, dass beide Finals nicht am selben Tag stattfinden sollten. Dennoch: Ich bin unzufrieden mit dem Endspielort Köln!
    Ich gehe sogar so weit zu sagen, dass ich kein Fan davon bin, dass das Pokalfinale der Frauen jedes Jahr im selben Stadion stattfindet! Viel mehr wäre ich dafür das Finale jährlich neu zu vergeben, vor allem an Standorte mit "kleineren Stadien (Kapazität: 15.000-25.000). Der Bornheimer Hang wäre da zum Beispiel prädestiniert, man wäre gleichzeitig auch in einer traditionellen "Frauenfußballfstadt". Das Karl-Liebknecht-Stadion wäre ein guter Austragungsort. Oder wie wäre es mit dem Dreisamstadion in Freiburg? Ebenfalls Städte, wo über Jahre erstklassiger Frauenfußball gespielt wurde und somit auch eine gewisse Verbindung der Bevölkerung mit dem, was dort passiert, besteht.

    AntwortenLöschen