Das Projekt Spielfeldschnitte

Pünktlich zur Fußball Europameisterschaft der Männer 2008 konnte man in Filialen einer großen deutschen Bäckereikette ein Kuchenstück erwerben, das sich als Alternative zu Bier in Plastikbechern verstand: ein Sahnetörtchen namens Spielfeldschnitte. Das Projekt Spielfeldschnitte nahm diese Beleidigung, diese Herausforderung und diesen Namen an. Seitdem verstehen wir uns als kreative und humorvolle Begleitung der deutschen Fußballnationalmannschaft und als längst fälligen Beitrag zu einer Frauenfußball-Kultur. Wir bieten nicht nur messerscharfe Analysen zu allen Länderspielen, wir sind die kulturwissenschaftliche Stimme in der Stille des Blätterwaldes, wir sind das Theater, das um den Frauenfußball aufzuführen ist, wir wollen die Welt verändern und schreiben darüber. „My (B)Log has something to tell you.“
(The Log Lady, Twin Peaks)

Sonntag, 10. Juli 2011

Der Coaching Zone zweiter Teil: Chronologie eines Niedergangs

     
Irgendwann gegen drei Uhr nachts, als wir aus dem WM-Quartier im Gängeviertel nach Hause fahren eine erste, vorsichtige, leise Frage: Warum hat Silvia Neid nicht früher gewechselt?

Nach drei, vier Stunden Hysterie, viel Alkohol und kompensatorischem Kickerspiel verklingen die gebrüllten Ratschläge unserer Zuschauer_innen (Macht ihn rein! Nach links! Nimm den Ball mit! Vor! Schneller! – und als gar nichts mehr ging: Elfmeter! Rote Karte! Für alle!) langsam und ein erster Versuch zu verstehen, was da eigentlich passiert ist. Warum also hat Silvia Neid nicht früher gewechselt? Es war doch deutlich, dass Grings und Mbabi überhaupt nicht ins Spiel fanden. Wo waren da die Alternativen, wo waren da die viel gerühmten Potentiale von der Bank, die es richten sollten, wenn man sich (wie hier) festgefahren hatte. Hatte Silvia Neid sich zu sehr darauf verlassen, dass man die Null über die 120 Minuten würde halten können, um dann im Elfmeterschießen zu glänzen? Wo war denn Birgit Prinz? Hat dieser Niedergang mit ihrer Krise begonnen? Birgit Prinz als Metapher?

Zu Hause, beim Katerverhinderungsessen und beginnenden Vogelgezwitscher: Wer hat eigentlich das Gegentor verschuldet? War das nicht wieder Saskia Bartusiak, die vor der Schützin zu Boden ging? Warum ist Nadine Angerer ist die falsche Ecke gesprungen? Doch wiederum: Seit wann definiert sich denn das deutsche Spiel darüber, welche Chancen vereitelt wurden? War das nicht mal dynamischer Angriffsfußball? Doch andererseits: Beginnt der nicht in und mit der Innenverteidigung? Und wusste man nicht schon seit längerem, dass es da im deutschen Team irgendwie nicht stimmt?

Und heute morgen, beim Frühstück, völlig kläglich: Ist das jetzt das Peinlichste, was überhaupt passieren konnte? (Nein, nein, erinnert euch, letzte Männer-WM, wie Weltmeister und Vizeweltmeister schon in der Vorrunde rausgeflogen sind.... Na, gut, aber jetzt doch Vergleiche? Also, mal ehrlich, wie peinlich war denn das?) Dafür, für 1 gutes und 3 schnullige Spiele diese lange Vorbereitung?

Auf dem Weg ins WM-Quartier: Ist das jetzt DIE Katastrophe für den deutschen Frauenfußball? Wie wird sich dieses Ergebnis auf den Frauenfußball auswirken? Gerade erst hat der Durchschnittsbürger mitbekommen, das WM ist, da ist es schon wieder vorbei. War das auch die Schuld der Medien? Jungs, wir rächen euch, Dritte Plätze sind nur was für Männer – tja, schon scheiße, wenn man die WM auf einem Anspruch aufbaut, der bedeutet, dass man die Katze eigentlich schon im Sack hat.

Jetzt schauen wir Schweden gegen Australien. Müde. Und doch belebt uns das temporeiche Angriffspiel: Fußball, yeah! Tor – huch! Genau, es ging doch gar nicht um Nationalität, sondern um Frauenfußball. Interessiert sich dafür eigentlich noch jemand? Werden wir die nächsten Tage hier alleine sitzen? Wird das die WM der Außenseiter? Entscheidet das Viertelfinale USA gegen Brasilien, wer Weltmeisterin wird? Und wem würden wir den Sieg am meisten gönnen?

Lotta Schelin. Marta. Und Hope Solo. Wem würden wir den Triumph am meisten gönnen? Doch bei all den Gesichtern kommen wir nicht umhin, an Melanie Behringer zu denken, die gestern mit Sicherheit die beste deutsche Spielerin war. Kein Gesicht der WM, wenn man den Medien folgt und doch diejenige, die uns mit ihrem Spiel vielleicht am meisten beeindruckt hat. Wenigstens bei dieser Frage sind wir uns einig: Wie cool ist eigentlich Melanie Behringer? - Sie ist super cool.

Kommentare:

  1. "Wer hat eigentlich das Gegentor verschuldet?"
    Ja, Bartusiak (die gestern ein starkes Spiel gemacht hat, obwohl das z.b. die "Experten" der SZ komplett anders sehen) hätte vorm Tor früher losrennen oder überhaupt schon weiter hinten stehen können. Ja, Angerer hätte sich noch "breiter" machen können. ABER: Der aus dem Fußgelenk gezauberte Paß war schlichtweg genial, der Sprint von Maruyama zu dem Zeitpunkt bemerkenswert und das Tor aus DEM Winkel einfach toll gemacht.

    Celia war für mich gestern über weite Strecken die beste deutsche Spielerin. Wie sie den Ball abschirmt und verteilt -- hab ich SO bei den Frauen noch nicht gesehen. Leider hing sie vorne völlig in der Luft, wie auch Grings.

    Meine Meinung zu Behringer ist eine völlig andere. "Am ruhenden Ball" hat sie unersetzliche Qualitäten, keine Frage. Im Spiel allerdings offenbart sie die technischen Mängel, die ich der gesamten deutschen Elf attestiere.

    Gegen Ende hatte ich gar Flashbacks von der Männer-WM 1998, als the one and only Berti Vogts the one and only Olaf Marschall einwechselte und mit 4 Stürmern und 0 Konzept gegen die Kroaten anrennen ließ...

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  2. MelanieBehringerFan11. Juli 2011 um 17:48

    Ich bin anderer Ansicht wie Timbo.

    Celia hätte ich vom Feld genommen und Birgit ne Chance gegeben.
    Und die Tatsache, dass die deutsche Mannschaftin schon vor dem Turnier quasi den Titel verteidigt hat bzw. zumindest im Finale sein wird, hat dann evtl. doch was in den Köpfen der Spielerinnen bewirkt.

    Bei allem Jammer; es war knapp, aber ich finde, dass die bessere Mannschaftin weiterkam.

    Und so dürfen wir einfach ein paar Dinge lernen. Es ist schön, wenn einfach mal jemand anders gewinnt. Das macht so menschlich. Und das gefällt mir.

    So ein Sergej Bubka damals... meine Mutter fand das sooooo toll mit dem. Das war doch langweilig.

    Dem Frauenfußball tut es gut, wenn -Achtung, Sportphrase der 90er- "die Breite an der Spitze dichter wird". Und die deutsche Mannschaftin hat nichtmal Gary Lineker widerlegt. Denn Deutschland hat ja 120 min spielen müssen. Da konnten sie ja nicht nach 90 min gewonnen haben.

    alles Gute für die nächsten Aufgaben!

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