Das Projekt Spielfeldschnitte

Pünktlich zur Fußball Europameisterschaft der Männer 2008 konnte man in Filialen einer großen deutschen Bäckereikette ein Kuchenstück erwerben, das sich als Alternative zu Bier in Plastikbechern verstand: ein Sahnetörtchen namens Spielfeldschnitte. Das Projekt Spielfeldschnitte nahm diese Beleidigung, diese Herausforderung und diesen Namen an. Seitdem verstehen wir uns als kreative und humorvolle Begleitung der deutschen Fußballnationalmannschaft und als längst fälligen Beitrag zu einer Frauenfußball-Kultur. Wir bieten nicht nur messerscharfe Analysen zu allen Länderspielen, wir sind die kulturwissenschaftliche Stimme in der Stille des Blätterwaldes, wir sind das Theater, das um den Frauenfußball aufzuführen ist, wir wollen die Welt verändern und schreiben darüber. „My (B)Log has something to tell you.“
(The Log Lady, Twin Peaks)

Samstag, 9. Januar 2010

denk.anstoß: Frauenfußball - der lange Weg zur Anerkennung


Das Buch "Frauenfußball - der lange Weg zur Anerkennung" von Rainer Hennies und Daniel Meuren liegt seit Oktober auf meinem Schreibtisch. Es liegt so da. Ab und zu habe ich es mal zur Hand genommen und darin rumgeblättert. Wirklich länger drin gelesen habe ich nicht. Die Texte regen nicht zum lange lesen an. Es sind eher Texte zum mal-drin-rumblättern. Dann lege ich es wieder zurück. Zum Inhalt braucht man nicht viel zu sagen, darüber ist woanders schon geschrieben worden. Doch obwohl ich in dem Buch bisher nicht mehr gemacht habe, als zu blättern, liegt es immer noch auf meinem Schreibtisch. Es liegt so da. Und ab und zu sehe ich es. Sehe das Cover. Irgendwas an diesem Cover lässt mich nicht los. Ich weiß auch was. Das Bild und das Wort "Anerkennung".

Das Buchcover ist rot. Mittig nimmt aber den meisten Raum eine Sportfotografie ein. Darauf sind zwei Spielerinnen in Aktion zu sehen. Die eine hat den Ball gerade geschossen, die andere sich in die Schussbahn geworfen. Über dem Bild stehen die Autoren und groß FRAUENFUSSBALL. Unter dem Bild steht der Untertitel: Der lange Weg zur ANERKENNUNG.
Wenn ich das Cover so betrachte, denke ich, dass es wie ein barockes Emblem aufgebaut ist. Emblem; der Begriff umschließt drei Komponenten: Zuallererst benötigt ein Emblem die Pictura (Icon, Imago, Symbolon), also ein Bild, zum Beispiel von Pflanzen oder Tieren aber auch Szenen des menschlichen Lebens oder mythologische Figuren. Als nächstes braucht das Emblem eine sogenannte Inscriptio, ein Motto. Und drittens eine Subscriptio, eine Deutung der Pictura. Letztendlich besteht das Emblem aus einem Bildteil, dem ikonischen Zeichenelement und einem Schriftteil, dem sprachlichen Zeichenelement.

Das jedenfalls ist die Definition eines Emblems, wie es im Barock vielfach zur Anwendung kam. Die Emblematik war zu der Zeit übrigens ein weit verbreitetes Verfahren um der Vergänglichkeits- und Ich-Problematik entgegenzuwirken, indem man die vergänglichen Prozesse durch die emblematische Bedeutungskonstitution in die Ewigkeit zu retten suchte. Nach Albert Schöne erfüllte das Emblem verherrlichende, moralisierende und didaktische Aufgaben durch alle Gesellschaftsschichten hindurch.

Was ist nun aber das Buchcover von Hennies und Meuren für eine Art Emblem? Ist es überhaupt ein Emblem? Vom Aufbau her erfüllt es die Regeln der Emblematik, es besteht aus Bild, Überschrift (man könnte auch Motto sagen), sowie Untertitel. Zunächst zum Bild: Die Spielerin auf dem Bild, die den Schuß abgibt, ist die deutsche Nationalspielerin Kim Kulig. Da die Bildschärfe auf sie eingestellt ist, bildet sie den zentralen Körper des Covers. Ihre Präsenz schiebt sich nicht nur im Foto in den Vordergrund, auch das Schriftbild von Titel und Untertitel werden durch sie unscheinbarer. Kim Kulig als Symbol für den Frauenfußball. Kaum ein anderes Bild hat seit 2009 für den Frauenfußball solche Symbolkraft. Kim Kulig ist wohl die erste Protagonistin des Frauenfußballs, die in den Medien ein Image bekam, über die jeder sprach, die auf allen Covern vorkam. Die Nachfolgerin von Renate Lingor (Lingor? Wer war eigentlich nochmal Lingor?) im Mittelfeld der deutschen Nationalmannschaft wurde durch ihren fulminanten Einstieg in die Nationalmannschaft 2009 als Hoffnung des deutschen Frauenfußballs gefeiert. Man könnte fast sagen, Kim Kulig ist eine Ikone des Frauenfußballs, eine echte Medienfigur. Hier, auf dem Deckel des ersten Frauenfußballkompendiums: Ein Ikon, eine Ikone. Neben der modernen Bedeutung der Bezeichnung "Ikone" kann man die ursprüngliche Bedeutung nicht beiseite lassen: Ikonen nennt man auch die Heiligenbilder in Kirchen, die eine Verbindung zwischen dem Betrachter und Gott herstellen sollten. Christusikonen, Marienikonen - hier nun die Kul(ig)ikone? Kim Kulig also als zentrales Zeichen im Bild. Die Überschrift (Inscriptio) des Bildes: FRAUENFUSSBALL. Damit ist allen klar, worum es geht. Großgeschrieben wie ein Schrei. Kulig quasi als Galionsfigur der "MS FRAUENFUSSBALL". Der Untertitel: "Der lange Weg zur ANERKENNUNG". Wohl keine Subscriptio im Sinne der Definition. Jedenfalls würde man nicht behaupten Kulig hätte auf dem Bild einen langen Weg hinter sich und würde nun durch den Abschuss ihrer letzten Gegnerin ihr Ziel "Anerkennung" erreichen. Trotzdem schafft der Untertitel ganz im Sinne des Emblems gewisse Sinnzusammenhänge. Zum Beispiel durch seine Schreibweise sofort die Verbindung von Frauenfußball und Anerkennung (beides groß geschrieben). Anerkennung ist dabei ein schön gewähltes Wort, denn, wie Goethe schon wusste: "Toleranz sollte eigentlich nur eine vorübergehende Gesinnung sein: sie muss zur Anerkennung führen. Dulden heißt beleidigen." Und bloß geduldet wurde der Frauenfußball schließlich lang genug. Doch gleichzeitig impliziert der Satz und diese Verbindung, dass die Anerkennung für den Frauenfußball jetzt endlich vollendet ist (Kim Kulig sei Dank!). Heikle Behauptung auf dem Cover des bislang einzigen Universalwerks über den Frauenfußballs. Ist der Kampf um Anerkennung somit beendet? Die Autoren müssten es besser wissen. Selbst wenn die MS Frauenfußball in die Häfen Deutschlands einläuft heißt das lange nicht, dass für Kulig und Co. ein Anleger frei ist.

Und damit sind wir auch schon bei der Auslegung des so schön hergeleiteten Emblems: Meuren und Hennies nehmen sich ganz schön viel vor (siehe Inscriptio), sehen dann aber die Spielfeldränder vor lauter Kuligs nicht und retten sich schnell in den sicheren Hafen des Anerkennens. Ähnliches passiert dann im Buch selbst: mit Schallgeschwindigkeit düsen beide entlang der Frauenfußball-Küste ohne länger als nötig irgendwo anzulegen und stets bedacht den Stürmen und Meeresunruhen aus dem Weg zu gehen. Über alldem steht Vorzeigestar Kim Kulig, die sich eines Tages bedanken wird bei all denen, die daran beteiligt waren sie in den höchsten Olymp des Frauenfußballs zu katapultieren - so wie dieses Coverfoto. Ihr Gesichtsausdruck spricht dahingehend Bände.

Kommentare:

  1. Nur ein kleiner Hinweis: Das ursprüngliche Cover zeigte - im Arbeitsentwurft bis kurz vor der EM 2009 - noch Birgit Prinz. :-)

    Für ein umfassendes Werk wie dieses finde ich es übrigens nicht sonderlich schlimm, dass das Buch "mit Schallgeschwindigkeit düst". Es soll ja einen Überblick geben und keine Enzyklopädie werden.

    Ingo

    AntwortenLöschen
  2. Hallo Ingo,

    danke für diesen höchst interessanten Hinweis! Das macht natürlich noch eine ganz neue Ebene auf. Zum Beispiel: kann man das als eine Art Zukunftsprophezeiung lesen, nach der die Autoren Kulig als unbedingte Prinz Nachfolgerin sehen? Damit auch dann die Frage: kann es jemals eine Nachfolgerin von Birgit Prinz geben?
    Und: warum wurde Birgit Prinz, die ja immerhin jahrelang DIE deutsche Fußballerin war/ist, gegen ausgerechnet Kim Kulig ausgetauscht, die zu dem Zeitpunkt ja gerade mal ein paar gute Spiele gemacht hatte? Welchen Einfluss hatten beider Leistungen bei der EM 2009?
    Seltsam, aber natürlich auch ein stückweit beruhigend, ist auch, warum die Vorzeigefußballerin (jedenfalls für die Boulevard-Presse) Lira Bajramaj nicht im Gespräch war (oder war sie?).
    Wenn man die Situation mal aus Spaß auf die Musikindustrie überträgt, wäre es ja fast so, als hätte die alteingesessene und umjubelte Band ihren Platz auf dem Cover des Rolling Stones gegen den schon angesagten aber nur wenig bekannten Geheimtipp verloren. Was natürlich auch automatisch dazu führt, dass dieser kein Geheimtipp mehr ist.
    Kulig ist jedenfalls weit davon entfernt, noch ein Geheimtipp zu sein. Vielleicht ist sie die erste Fußballerin, die eine Position einnehmen könnte, die im Profifußball der Männer sehr verbreitet ist: als junges Talent eingequetscht zwischen den beiden Fronten „Leistungsoptimierung“ und „Drop Out“.

    Ich finde es übrigens für dieses Werk auch nicht schlimm, dass es mit Schallgeschwindigkeit düst. Ich finde es aber schade. Meines Erachtens braucht der Frauenfußball entweder ein ernstzunehmendes und umfassendes Übersichtswerk, das mit einer gewissen Wissenschaftlichkeit und Ruhe besticht, oder aber intensivere Auseinandersetzungen mit Teilaspekten, wo ein Risiko spürbar wird. Irgendwas dazwischen ist halt irgendwie zu wenig, sowohl für die eingefleischten Frauenfußballfans, als auch für die Frauenfußballlaien (und zwischen diesen beiden Fronten gibt es noch zu wenig Abstufungen).

    AntwortenLöschen